Das Netzwerk "Recht auf Stadt" hatte versprochen: "Wir kommen alle". Und wie! In zwei Umzügen zogen die Initiativen, begleitet von drei Marching Bands aus England und den Niederlanden, die sich mit "Recht auf Stadt" solidarisiert hatten, durch das Fest und angrenzende Straßen. Die Initiative "Recht auf Wohnraum" markierte während der Umzüge teure oder leerstehende Wohnungen im Viertel.
Im Vorfeld des 4. September hatte das Netzwerk "Recht auf Stadt" mit einem eigenen Aufruf zum jährlichen Schanzenfest mobilisiert. In dem Aufruf kündigten 25 Initiativen ihr Kommen an, kritisierten die herrschende Stadtentwicklungs- und Mietenpolitik und solidarisierten sich mit der Roten Flora. Die Initiative Recht auf Wohnraum, die in den vergangenen Monaten bereits vier Fette-Mieten-Partys bei Wohnungsbesichtigungen organisiert hatte, rief darüberhinaus zu einer "Fette-Mieten-Twitter-Rallye" auf.
Am Tag selbst starteten rund 60 Menschen um 11:30 Uhr ersten Umzug in der Schanzenstraße. Die Marching Band "Peace Artistes" aus Bradford, England, unterstützte die Parade mit einem auf dem Schanzenfest noch nicht gehörten Sound und gab den vielen Sprechblasen und Masken den richtigen Rhythmus:
Weiter ging es in die Susannenstraße, in der es dann eine erste Aktion gegen hohe Mieten gab. AktivistInnen plakatierten aus der Parade heraus "Wer soll das bezahlen?" an die Fassade eines Hauses und machten per Megaphon auf die explodierenden Mieten im Viertel aufmerksam. An der Ecke Schulterblatt/Juliusstraße markierten sie ein nahezu komplett leerstehendes Wohnhaus mit einem "Leerstand zu Wohnraum"-Plakat.
In einem Flugblatt, das verteilt wurde, wurde mobilisierten verschiedene Initiativen außerdem für eine Demonstration am 23. Oktober, die sich gegen den Leerstand (vor allem von Büroflächen, der in Hamburg 1,17 Millionen Quadratmeter beträgt,) richtet und eine Umwandlung in Wohnraum einfordert.
Nach einer Pause zog um 13 Uhr ein zweiter Umzug, diesmal angeführt von der Tenth Avenue Band aus Newcastle, durch das immer voller werdende Schanzenfest, während die Utrechter Band Tegenwind vor der Bühne weiterspielte. Über das Schulterblatt ging es vorbei an den Infotischen des RaS-Netzwerkes. Dort sammelten Mitglieder der AG Mieten Unterschriften für eine Neuausrichtung der Mietenpolitik des städtischen Wohnungsunternehmens SAGA/GWG und verteilten die MieterInnen-Zeitung 2Prozent. Stadtteilpolitisch Aktive aus Altona machten auf die Pläne für das dortige Bahngelände aufmerksam und auch das Centro Sociale, die Schanzenturm-Ini und die Initiative Neuer Pferdemarkt waren mit Infoständen vertreten.
In der Schanzenstraße 1 plakatierten AktivistInnen auf die Scheiben einer leerstehenden Gewerbefläche "5700 € für 75 qm? Ich bin doch nicht blöd!". Bis vor kurzem war dort seit 1922 ein Elektronikfachgeschäft ansässig gewesen, das sich die steigenden Mieten jedoch nicht mehr leisten konnte und sich inzwischen in Hamm angesiedelt hat. Für die 75 Quadratmeter soll ein zahlungskräftigerer Mieter nun 5.700 Euro blechen. Das bedeutet eine Gewerbemiete von 76 Euro pro Quadratmeter!
Nach diesem Zwischenstopp bog die Parade erneut in die Susannenstraße ein und markierte schließlich ein weiteres Haus in der Bartelsstraße, in der eine 2-Zimmer-Wohnung für 723 Euro angeboten wird. Größe: 47 Quadratmeter – macht 15,38 pro Quadratmeter. Am 30. August hatte dort bereits eine Fette-Mieten-Party stattgefunden.
Inzwischen war auch die Polizei auf den Umzug aufmerksam geworden, die Frage der Beamten nach einem Versammlungsleiter wurde mit einem Verweis auf die mitgeführte Leiter beantwortet (die zum Markieren der Wohnungen diente). Nach dieser letzten Station löste sich die kleine Parade auf.
Mit den Umzügen und der Fette-Mieten-Rallye hat "Recht auf Stadt" an diesem Tag viele Menschen auf die Wohnungsnot, steigende Mieten und Leerstand aufmerksam gemacht. Direkte Aktionen aus der Parade heraus verdeutlichten den Willen, dieses Problem nicht PolitikerInnen oder Immobilienfirmen zu überlassen.
Vielen Dank an die Marching Bands Peace Artistes, Tegenwind und Tenth Avenue sowie an Tuten & Blasen für die Unterstützung!
Leerstehende Wohnungen im Schanzenviertel:
21 Wohnungen des Vermieters E.A. Landschulze:
- Susannenstraße 43 (4 Wohnungen seit 3-5 Jahren)
- Susannenstraße 6 Vorderhaus (1 Wohnung seit 2 1/2 Jahren leer)
- Susannenstraße 6 Hinterhäuser a+b (4 Wohnungen seit 10 Jahren leer)
- Susannenstraße 9a (2 Wohnungen)
- Beim Grünen Jäger 16 (1 Wohnung seit 2 Jahren)
- Beim Grünen Jäger 2 (5 Wohnungen seit 5-7 Jahren)
- Beim Grünen Jäger/Bei der Schilleroper Eckhaus 6 (1 Wohnung seit mehreren Jahren)
- Otzenstraße 25 (1 Wohnung über 1 Jahr)
- Juliusstraße 40 (2 Wohnungen seit 4 Jahren)
Leerstand der Vermieter Köhler & von Bargen
- Susannenstraße 36 (5 Wohnungen seit 6-18 Monaten)
Leerstand der GbR Ramke/Baas/Böttcher:
- Neuer Pferdemarkt 29 (ca. 12 Appartmentwohnungen seit 1-3 Jahren)
(Quelle: Mietraum2. Die Zeitung des Hamburger Mietervereins Mieter helfen Mietern, Nr. 1, August 2010, S.9)
Einen kurzen NDR-Bericht über die Parade gibt es in der NDR-Mediathek.
Eine Version dieses Textes ist auf Indymedia erschienen.














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