Gedanken zur Zeit: Lärm und Stille

Längere Zeit war es endlich mal etwas ruhiger am Brandshof. Außer ein paar gemeinsamen Brandshofer-Campingtagen bliebt es weitestgehend ruhig. Wirklich ruhig war es jedoch im Grunde nicht - die Stadt Hamburg erneuert gerade vor unserer Haustür den Flutschutz und begann vor mehreren Wochen damit, riesige Pfähle in den Elbgrund zu rammen.

Beim ersten Schlag des Riesenhammers dachten wir, irgendetwas fürchterliches sei passiert. Vincent B., 27, sagte dazu: "Ich dachte im ersten Moment, es sei ein Angriff der Transformers. Also der bösen Transformers!" (Anm. d. Autors: böse Transformers = Decepticons). Gast F., zufällig zu diesen Zeitpunkt am Ort, dachte, es seien Kanonenschüsse von wildernden Piraten. Die Wände bebten, zerbrechliche Erbstücke wurden in Sicherheit gebracht - es war ja nicht geklärt, wo diese beeindruckenden Schläge herrührten.

Vermutlich wollte man uns auch auf den Bombenexplosionslärm hinweisen, da wir aber so abseits wohnen und unsere Briefkästen nicht mehr als solche funktionieren (wir berichteten), war es wohl einfach unmöglich. Vielleicht sollte sich die Stadt Hamburg mal an Kabel Deutschland wenden, die erreichen uns nämlich regelmäßig mit ihren freundlichen Kundeninformationen für Nicht-Kunden.

Auch um unseren Vermieter war es lange ruhig, keine freundlichen Besuche, keine freundliche Post, kein freundliches Aus-dem-Auto-heraus-starren-und-mit-dem-Finger-zeigen. Selbst das "Freispiel Brandshof" blieb eigentlich unbemerkt.

Wir wurden schon fast traurig, da bekamen wir Post von freundlichen Rechtsanwälten, die uns auf einen Besuch von Herrn K. und einem von der Stadt Hamburg beauftragten Architekten-Team hinwiesen. Wir haben zwar mittlerweile herausgefunden, dass der Lärm nicht zur Ultimativen Zerstörung gehört, aber jetzt kriegen wir es zumindest von offizieller Seite bestätigt.

Pünktlich am Samstag darauf, um 7:50h, ging es dann los - abgestumpft wie wir mittlerweile sind, wussten wir zwar sofort, dass es sich diesmal nicht um die Apokalypse handelt, dennoch waren wir verwundert, dass dem bisherigen Lärm noch eine Krone aufgesetzt werden könne. "Was zum Teufel...?" war natürlich der kollektive erste Gedanke. Wenn man jemandem gegenübersteht und sieht, dass sich die Lippen bewegen, das aber alles ist, was man von dem Gespräch mitbekommt, dann zeugt es schon von einem beeindruckenden Lärmpegel. Anscheinend ist Herrn K. noch aufgefallen, dass er die Fliesen in einer der leer stehenden Wohnungen nicht schön findet und hat flux seine Spezialeinheit geschickt, diese noch zu beseitigen, bevor der hohe Besuch der Architekten am Dienstag eintrudelt.

Was der Außenstehende nicht wissen kann - diese Wohnung (die einzige leere, über der direkt jemand wohnt) kann man nur zwischen 7:50h und 9:00h renovieren. Zu anderen Zeiten wird sie sehr unpässlich und beginnt das Raum-Zeit-Kontinuum zu verschieben, damit sie wieder ihre Ruhe hat. Es gibt sogar Gerüchte, sie hätte einen unglücklichen Hausmeister verschlungen und langsam machen wir uns wirklich Sorgen, dass Frau H., unsere Hausmeisterin mit dem speziellen Gespür für Modetrends, eben dieses Schicksal ereilt haben könne. Auch sie haben wir schon seit langer Zeit nicht mehr hier gesehen. Dementsprechend verstehen wir natürlich auch, dass es sich nicht vermeiden ließ, diese relativ fixe Angelegenheit an einem späteren Zeitpunk zu legen und wollen dem Handwerker-Team für ihre waghalsige Kühnheit unseren vollen Respekt zollen.

Auf diesem Wege danken wir noch Herrn K. für seine Bemühungen um uns – uns ist nämlich nachträglich klar geworden, dass er uns wieder für die kleinen Freunden des Lebens sensibilisieren wollte: Stille. Share/Save

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